Das TAD WILLIAMS-Interview

»Ich musste fürchterlich viel recherchieren ...«

Ein Gespräch mit Tad Williams zu seiner Roman-Tetralogie OTHERLAND

Boris Koch: Wie jeder zweite Fantasy-Roman, wurde auch Ihr Otherland mit Tolkiens Der Herr der Ringe verglichen. Ich selbst denke, dass sich diese beiden Bücher sehr voneinander unterscheiden; gerade mal die Handlungsprämisse »irgendjemand möchte die Welt retten« ist ähnlich, aber das ist nicht übermäßig viel. Ich will die beiden Romane jetzt nicht im Einzelnen analysieren, aber die fiktiven Welten sind doch recht unterschiedlich - die Protagonisten, ihre Motive, die Sprache und so weiter. Was halten Sie von dem Vergleich mit Tolkien?

TAD WILLIAMS: Er ist nicht vollkommen ungerechtfertigt, denn ich hatte mir - unter anderem - vorgenommen, etwas im Stil epischer Fantasy zu schreiben, das stärker mit meiner Zeit und meinen Erfahrungen zusammenhing als einfach ein weiteres Buch in einer imaginären mittelalterlichen Welt. (Außerdem hatte ich so etwas schon geschrieben und ich versuche mich gerne an unterschiedlichen Herangehensweisen an Geschichten.) So hat Otherland also die Form und den Unterbau von epischer Fantasy, aber ich denke mal, ich habe eine Art von epischer Fantasy geschaffen, wie es sie zuvor noch nicht gab.

BK: Wenn ich »die Welt« von Otherland sagte, habe ich mich vielleicht nicht genau genug ausgedrückt; Otherland ist ein Konglomerat verschiedener Welten aus verschiedenen mehr oder weniger bekannten Büchern und historischen Epochen. Selbst Bill Gates hat einen Auftritt. Für mich sieht das nach einem ganzen Haufen von Recherche aus, aber noch mehr nach einem Haufen Spaß beim Schreiben des Romans?

TAD WILLIAMS: Es war ein unglaublicher Spaß, und allein die Vorstellung, viele verschiedene Welten beschreiben zu können - und die Protagonisten dazu zu bringen, sie alle zu erforschen -, war eines der Dinge, die mich an der Idee anfangs am meisten ansprachen. Wie auch immer, ich musste jedenfalls fürchterlich viel recherchieren.

BK: Neben Tolkien fällt in einem Artikel über Otherland immer das Schlagwort »Cyberspace«, manchmal sogar »Cyberpunk«, obwohl in dem Buch wirklich nicht viel »Punk« steckt. Cyberspace dagegen schon, oder virtuelle Realität. Woher rührt Ihr Interesse an Cyberspace? Nutzen Sie selbst das Internet häufig? Und was halten Sie davon?

TAD WILLIAMS: Etwas anderes, das mich an der Idee zu Otherland ansprach, war, dass es sich um eine Science-Fiction-Idee handelte, über die ich etwas wusste. Ich habe einige Jahre lang für ›Apple Computer‹ gearbeitet, habe viele Nachforschungen über die frühen Tagen von Multimedia und des Netzes angestellt, und ich fühlte mich sehr viel qualifizierter, diese Art von Technologie zu einem zentralen Bestandteil einer Geschichte zu machen, als ich es bei, sagen wir, Weltraumflügen oder Terraforming-Technologien gewesen wäre. Ich denke nicht etwa, ich hätte mit diesen anderen zwei Bereichen nichts anfangen können, aber dann hätte ich ein Jahr länger recherchieren müssen ...

BK: Auch wenn Otherland kein Cyberpunk Roman ist - haben die Arbeiten von John Shirley, Bruce Sterling und William Gibson Ihre Arbeit an dem Buch beeinflusst? Oder war der Einfluss von Alice im Wunderland und Huckleberry Finn größer?

TAD WILLIAMS: Ich denke, die Einflüsse von Märchen, Kindergeschichten und Freizeitparks wie Disneyland waren stärker als der von Cyberpunk. Ich mag Cyberpunk durchaus, ich hatte nur nie das Gefühl, das ist das, was ich schreibe. Einerseits ist Cyberpunk ein Produkt der Punk-Bewegung - Musik, Kleidung, etc. - und ein Produkt der 80er Jahre. Entsprechend hat in Cyberpunk Romanen niemand irgendwelchen Spaß. Das Leben ist immer nur elend und sinnlos und düster. Ich denke, das Leben in der Zukunft wird ebenso vielfältig sein wie heute, es wird eine Menge guter Dinge und eine Menge schlechter Dinge geben.

Außerdem fetischisieren fast alle Cyberpunk Geschichte technische Gerätschaften - »Es war ein Dingsbums von Nakamachi mit vier Sensoren ...« -, und das ist nicht meine Sache. Ich will nur, dass Dinge funktionieren (oder gerade noch wissen, wo ich sie hinbringen muss, um sie reparieren zu lassen). Meine Otherland-Technologie ähnelt sehr stark unserer gegenwärtigen Technologie - das, was sie leistet, ist das entscheidende, nicht etwa wie sie das tut; das ist nur für einen sehr kleinen exklusiven Kreis von Ingenieuren und anderen Gruppen von Interesse.

BK: In Otherland gibt es keine langen Passagen, in denen Sie die weltweite Gesellschaft in den 2050ern beschreiben. Zu Beginn jedes Kapitels bringen Sie ein kurzes Beispiel, was in der Welt geschieht. Auf diese Weise geben Sie dem Leser eine Art Puzzle der zukünftigen Gesellschaft, anstatt eines Überblicks. Warum?

TAD WILLIAMS: Vor allem, weil ich die Handlung nicht in der Hintergrundbeschreibung der Umgebung versanden lassen wollte - erstens einmal, weil der größte Teil der Handlung sowieso in der virtuellen Realität spielt, zudem einem sehr ungewöhnlichen Ort für die virtuelle Realität. Außerdem war es sehr viel spaßiger, einen Haufen skizzenhafter kleiner Miniaturen zu schreiben (die eigentlich Satiren auf die gegenwärtige Gesellschaft und Trends sind), als inne zu halten, um zu erklären, wie die Welt der Otherland-Zukunft aussieht.

BK: Was glauben Sie: Wie realistisch ist das Zukunftsszenario, dass Sie in dem Roman beschreiben?

TAD WILLIAMS: Ich denke, der größte Teil - die Technologie, die sowohl hilft, als auch hinderlich ist; das Fortbestehen der sozialen Probleme, selbst wenn sie sich von denen unterscheiden, die wir heutzutage kennen - trifft wahrscheinlich größtenteils zu. Die Einzelheiten? Wer weiß das schon? Aber eine Menge der auf das Netz bezogenen Passagen an den Kapitelanfängen sind Extrapolationen von heutigen sozialen und technologischen Entwicklungen, und ich denke, die Chancen, dass ich richtig geraten habe, sind ebenso hoch wie die anderer Leute.

BK: Gibt es ein anderes typisches Science Fiction Thema, über das sie gerne schreiben würden?

TAD WILLIAMS: Menschliches »Wachstum«. Ich habe eine Geschichte im Kopf (die vielleicht zu einem zukünftigen Roman werden wird), die von Menschen handelt, die praktisch Götter und Halbgötter sind, weil die Technologie ihnen so große Macht und Kontrolle über sich selbst und ihre Umwelt gibt. Wahrscheinlich wird das meine Ausrede sein, über Superhelden zu schreiben, obwohl ich hoffe, ein paar sehr interessante Wendungen einbauen zu können.

BK: Nun, die folgende Frage ist ein Muss bei Interviews zu Otherland, denke ich. Und ich wette, Sie haben sie inzwischen ziemlich oft gehört ... Das Buch ist Ihrem Vater gewidmet, der davon keine Ahnung hat, weil er nicht viel liest. Weiß er inzwischen von dieser Widmung? Oder werden Sie ihm nun davon erzählen, nachdem der vierte Band erschienen ist?

TAD WILLIAMS: Anscheinend weiß er inzwischen davon. Nachdem mir diese Frage bei unzähligen Signierstunden auf mehreren Kontinenten gestellt wurde, hat er es schließlich herausgefunden, doch in der für ihn typischen aufreizend vagen und beiläufigen Art erinnert er sich schließlich nicht mehr daran, wie. Ich hatte bereits vor, es ihm mit großer Geste zu sagen. Und dann, am Tag der Lesung, als ich ihn dazu bringen wollte aufzustehen, um es ihm mitzuteilen, ist er (a) nicht erschienen, weil er irgendein Treffen hatte, und (b) erzählte mir meine Mutter, dass er irgendwann in den letzten paar Monaten die Sache mit den Widmungen herausgefunden oder es irgendwie mitbekommen hat. Typisch.

BK: Was mich besonders interessiert: Warum spielt ein Großteil des Romans außerhalb der virtuellen Welt ›Otherland‹ in Südafrika? Waren Sie dort schon einmal? Warum nicht die Vereinigten Staaten, wo Sie leben? Und weshalb der Buschmann !Xabbu? Für mich ist er einer der interessantesten Figuren des Romans.

TAD WILLIAMS: Einen Ureinwohner als Figur war mir aus mehreren Gründen wichtig, und ich habe mich für die Buschmänner aus dem Süden Afrikas entschieden, denn sie schienen eine Reihe meiner Wünsche zu erfüllen - eine interessante Folklore, sie konnten plausibel als sehr unabhängig von der »verdrahteten Welt« dargestellt werden, und Leser wissen VON ihnen, aber sie wissen nicht viel ÜBER sie. Außerdem schien Südafrika selbst ein sehr interessanter Ort zu sein, um ihn in dieser erfundenen Zukunft unter die Lupe zu nehmen, schließlich geschehen dort so viele Dinge (manchmal auf erschreckende Art und Weise), die für die industrialisierte Welt faszinierend sind. Ferner handelt ein großer Teil der Nebenhandlung in Otherland von Kolonisierung und Ausbeutung - was also gibt es für einen besseren Ort als Südafrika, um ihn als Ausgangspunkt für den Anfang der Geschichte zu verwenden.

BK: Beim Lesen von Otherland hatte ich den Eindruck, als wären Sie weit mehr an den handelnden Personen interessiert als an der Gesellschaft in seiner Gesamtheit oder daran, technische Details zu erläutern. Stimmen Sie mir da zu?

TAD WILLIAMS: Ich habe schon vorhin über Technologie gesprochen, also kurz gesagt: Ja, das stimmt. Obwohl, im Allgemeinen bin ich außerordentlich daran interessiert, den übergeordneten Blickwinkel einzunehmen - Geschichte, Politik, gesellschaftlicher Wandel interessieren mich brennend. Aber ich erzähle davon lieber von innen heraus, durch die Augen der Leute, die dies erleben.

Ich misstraue dem göttlichen Blickwinkel und ich halte es sicherlich für sehr viel aufregender, Gefahren und Intrigen aus der Sicht einer Figur zu erleben, die wie ich und die meisten anderen Leser ist, und nicht durch die Augen eines Generals oder eines Präsidenten oder eines Wissenschaftlers, der die Welt verändert.

Diejenigen, die meine Fantasyromane gelesen haben, wissen, dass meine Schlachtenszenen nach einem ähnlichen Muster funktionieren: Ich bin sehr viel mehr daran interessiert mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, dort zu sein, und nicht an einer allgemeineren Beschreibung dessen, was passiert.

BK: Gibt es eine Figur in den Büchern, die Sie am meisten mögen?

TAD WILLIAMS: Als ein Autor von AUSSERORDENTLICH LANGEN BÜCHERN neige ich dazu, Figuren zu mögen, die lustig sind, denn einen Witz einzubauen oder eine witzige Situation, hat für jeden Schriftsteller etwas Befreiendes.

Allerdings mag ich meine Protagonisten alle ziemlich gleich gerne. Eine grundlegende Rolle spielt da die Frage »Ist diese Figur glaubwürdig?«, und nicht so sehr »Würde ich gerne diese Figur sein oder mit ihr befreundet sein?« So kann ich einen guten Schurken ebenso mögen wie einen der »Guten«, selbst wenn ich im realen Leben den schurkischen Protagonisten erschreckend fände.

BK: Haben Sie Pläne, eine irgendwie geartete Fortsetzung von Otherland zu schreiben? Oder eine Kurzgeschichte über eine oder mehrere Personen aus dem Roman? Oder denken Sie: »Das war eine lange Zeit mit den Jungs und Mädels, eine gute Zeit, aber jetzt sollte ich mich von ihnen verabschieden?«

TAD WILLIAMS: In näherer Zukunft werde ich eine Otherland-Kurzgeschichte schreiben, wahrscheinlich über Orlando, für eine Anthologie mit dem Titel Legends 2. In fernerer Zukunft: Wer weiß?

 

Dieses Interview führte Boris Koch für das Rollenspielmagazin Mephisto; Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag. Der Text wurde für die vorliegende Veröffentlichung berarbeitet. © 2006 by Boris Koch